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13. Kiersper Stadtgespräch am 17.5.2006 im Rathaus der Stadt Kierspe
"Lust - Frust - Spielsucht - Wollen wir das in Kierspe?"


 

Anstelle des alten Wirtshauses Hamann soll, nach dem
Willen der Ratsmehrheit aus CDU, UWG, FDP und des Bürgermeisters Frank Emde, am Wildenkuhlen ein sogenanntes "Entertainmentcenter" - eine moderne Umschreibung für eine 300 m² große Spielhalle - entstehen.

Was bedeutet das für unsere Stadt?
Bereicherung oder Verführung zur Spielsucht?

Über diese Fragen wollen wir bei der Veranstaltung
gemeinsam mit dem Experten für die Gefahren der
Spielsucht, Jürgen Trümper, Geschäftsführer des Arbeitskreises gegen Spielsucht e.V.
*, diskutieren.

Die Veranstaltung beginnt um 19.00 Uhr

* Beratungsstelle für Spieler und Angehörige
Träger: Arbeitskreis gegen Spielsucht e.V.
Adresse: Südring 31, 59423 Unna
Tel.: 02303-89669 Fax: 02303-89670
Internet
: www.ak-spielsucht.de (im Aufbau)
E-Mail: info@ak-spielsucht.de

 

Mehr zum Thema finden Sie unter anderem bei der


Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW

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Pressestimmen

 


In der Falle des Geldspiels

Stadt in der Kritik: Fachmann referiert beim 13. Stadtgespräch der SPD über Spielsucht, Glückspielgeräte und die Interessen der Spielhallen-Lobby

Von Rolf Haase


KIERSPE· Die beiden Pädagogen, der eine amtierender Leiter der Sonderschule für Lernbehinderte in Meinerzhagen und der andere Leiter der Gesamtschule im Ruhestand, teilten die große Sorge, dass durch die geplante Mega-Spielhalle am Wildenkuhlen, für die die Stadt gerade den Weg ebnet, schwerwiegende Probleme und schlimme Zustände auf die Bürger zukommen. Günther Barth wie Martin Koenen äußerten beim 13. Stadtgespräch der SPD am Mittwochabend im Ratssaal Unverständnis und kritisierten scharf Bürgermeister Frank Emde sowie CDU, UWG und FDP, von denen das Projekt unterstützt wird.

Früher hätten Jugendliche mal für eine Diskothek gekämpft, was von der Politik aber kritisch gesehen worden sei. Doch jetzt erkenne die Ratsmehrheit bei einer Spielhalle keine Probleme, Barth konnte es nicht fassen. Schärfer noch Koenen: "Die Stadt betreibt Werbung für Spielhallen, indem sie diese an einer so attraktiven Stelle platziert." Auch Erich Mürmann, sichtlich erregt, schimpfte über die Planung, die gegen den Willen der Bürger durchgesetzt werde: "Wenn wir uns auf ein solches Niveau herab begeben, dann gute Nacht Kierspe".

All diese Einlassungen kamen nicht von ungefähr. Denn vorausgegangen war nach der Begrüßung und kurzen Einführung durch die SPD-Fraktionsvorsitzende Petra Crone ein wirklich erschreckender und bedrückender Vortrag zum Thema Spielsucht von Jürgen Trümper. Er führte die Schicksale Spielsüchtiger vor Augen, die von finanziellen Problemen, über die 92 Prozent der Betroffenen klagen, und Schulden (77,4 Prozent) an der Spitze über Schwierigkeiten in der Partnerschaft (68,2 Prozent), kaputte Beziehungen (48,3 Prozent), Trennungen und Scheidungen (27,2 Prozent) sowie Arbeitsplatzverlust (20,5 Prozent) bis zu Beschaffungskriminalität (22,9 Prozent) reichen.

Gerade letztere würde für den Ortsteil auch zu einem Hauptproblem werden, zumal das beabsichtigte Entertainmentcenter, was laut dem Experten nichts anderes als die neudeutsche Bezeichnung für eine Spielhalle im exklusivem Outfit sei, Spieler aus den gesamten Umkreis angezogen würden.

Trümper informierte, dass mit Abstand die meisten Betroffenen angeben, dass sie an Geldspielgeräten spielen (66,1 Prozent). Das Automatenspiel oder auch das Tischspiel im Casino rangiert genauso wie die berüchtigten und inzwischen durch die seit Anfang des Jahres geltende neue Gesetzgebung verbotenen Fungames bei etwa 20 Prozent.

Zwar macht die Chance auf einen hohen Gewinn oder auch die magnetische Wirkung der drehenden Scheiben mit den farbigen Bildern und die blickenden Lichter der, so Trümper, "zu elektrischen Drogen mutierten Geräte" zusammen mit der hohen Ereignisfrequenz den Reiz für die Spielsüchtigen aus, doch ist die Hoffnung auf einen Gewinn trügerisch. Denn Spielsüchtige, die übrigens meist im jugendlichen Alter beginnen, können nur verlieren. Die Knöpfe an den Geräten als Einwirkungsmöglichkeit sind nichts als Makulatur, denn den Spielverlauf bestimmt einzig der Computerchip im Gerät.

"Im Mittel haben die Betroffenen in ihrer Spielerkarriere 114 000 Euro verloren und ihre Verschuldung liegt bei 18 806 Euro", informierte der Referent. Sie hängen oft länger als acht Stunden am Tag vor den Geräten und spielen dabei gleich an mehreren gleichzeitig. So werden leicht 500 Euro und im Extremfall 1000 Euro am Tag verspielt. Die hohe Verweildauer und Geldschwierigkeiten können dann auch zu gesundheitlichen Problemen bis hin zu ernsthafter und sogar existenzbedrohender Mangelernährung führen.

Dass die neue Spielhalle in Kierspe gerade an eine derart zentrale und exponierte Stelle kommen soll, während woanders Innenstädte durch eine Bannmeile geschützt werden und so Spielhallen an die Peripherie verlagert werden, versteht auch der Fachmann nicht. Denn den Einnahmen, abhängig davon ob es eine Doppelkonzession oder eine Dreifachkonzession gibt, von beim vorliegenden Projekt rund 60 000 bis 90 000 Euro im Jahr nur aus den Geldspielautomaten, auf der einen Seite steht auf der anderen ein hoher ökonomischer Schaden in Folge durch die Beschaffungskriminalität und wirtschaftliche Not der Süchtigen gegenüber. Dieser sei leider aber nur sehr schwer bezifferbar. Von daher seien Kämmerer von Städten angesichts der in Aussicht stehenden neuen Einnahmequelle oft geblendet.

 

Entertainment-Center fördert Spielsucht
 
Kierspe. Erschrocken über die Fakten und Auswirkungen der Spielsucht zeigten sich die meisten der 30 Besucher des SPD-Stadtgesprächs am Mittwochabend. Jürgen Trümper, Experte für das Problem Spielsucht, legte Fakten und schwerwiegende Folgeerscheinungen für Spielsüchtige, deren Angehörige und das Umfeld vor.

"Die Tränen von betroffenen Kindern sind kostenlos"
Jürgen Trümper Geschäftsführer des Arbeitskreises gegen Spielsucht.

Erschreckend auch die Tatsache, dass Jürgen Trümper vor dem Stadtgespräch eine Kiersper Spielhalle besucht hat und dort auf illegale Spielgeräte, sogenannte Fun-Games gestoßen ist, die seit Anfang des Jahres verboten sind: "Diese beweglichen Automaten werden nach Bedarf in den Raum geschoben. Vor allem nach 21 Uhr schaut auch kein Ordnungsamt mehr vorbei", wusste Trümper aus Erfahrung zu berichten.

"Den Bürgern sollte nicht egal sein, was mit ihrer Stadt passiert", merkte SPD-Fraktiosnvorsitzende Petra Crone bei der Begrüßung im Ratssaal an. Trümper erläuterte in seinem sehr informativen Vortrag die Zusammenhänge der Spielsucht. "Zur Spielsucht gehören die drei große M", so der Geschäftsführer des Arbeitskreises gegen Spielsucht: Der Mensch, der abhängig werden kann, das Medium, von dem man abhängig wird, und der Markt, der das Medium zur Verfügung stellt.

Viele Jugendliche machen bereits mit 16 Jahren die ersten Erfahrungen mit Spielautomaten. Sie stecken das Wechselgeld an der Pommes-Bude in die Glücksspielautomaten. "So werden die ersten Reize geweckt, gerade dann, wenn noch ein Gewinn dabei herausspringt." Viele der schön klingenden Namen der elektronischen Drogen, wie "Groschengräber" treffen heute gar nicht mehr zu. "Früher steckte man zehn Pfennig in das Gerät, später wurden es 50 Pfennig, dann eine Mark - heute ist es bereits ein Euro."

Trümper berichtete von pathologischen Spielern, die an mehreren Geräten gleichzeitig spielen. Bei einer Studie stießen seine Mitarbeiter auf eine Spitzenleistung von bis zu zwölf Geräten bei nur einem Spieler. Immense Summen, die pro Tag schnell in den vierstelligen Bereich gehen können, werden so verzockt.

In dem am Wildenkuhlen geplanten Entertainment-Center könnten bis zu 36 Geräte aufgestellt werden, nahm Trümper die Situation in Kierspe in den Blick. Das würde für die Stadt eine jährliche Steuereinnahme von mindestens 100 000 Euro bedeuten. Auch dabei sei erschreckend, dass die Spielhallen diese Gelder spielend bezahlen können. Die sozialen und gesellschaftlichen Folgekosten seien hingegen nicht messbar. "Tränen von betroffenen Kindern sind kostenlos", so die emotionale Erkenntnis.

Während die aktuelle Spielhalle an der Kölner Straße noch den Eindruck des Verborgenen mache, werde sich das Entertainment-Center in schmuckem Ambiente präsentieren, mit einem Billard- und Dartclub, einem mexikanischen Schnellrestaurant und einem Internetcafé. Die lockere Atmosphäre werde Jugendliche und Erwachsene anziehen und ganz nebenbei zum Spielen an die Automaten locken. Dabei herrsche im Märksichen Kreis bereits ein ein Überangebot an Spielhallen, so Trümper. Deutschlandweit entfällt auf 650 Einwohner ein Spielautomat, im Märkischen Kreis liegt die Quote bei 597. In Werdohl kommen sogar nur 390 Einwohner auf ein Gerät. "Für interessierte Spieler also genügend Möglichkeiten in der Umgebung."

Für ein Bürgerbegehren sei es zu spät, stellte Petra Crone fest. Jedoch waren sich alle Anwesenden einig, etwas gegen das geplante Entertainment-Center am Wildenkuhlen unternehmen zu müssen. So wurde neben einer Unterschriftenliste eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Jürgen Trümper sicherte seine Unterstützung zu. Die Anwesenden bedauerten, dass sich keiner der Befürworter des Entertainment-Centers aus CDU, FDP und UWG an dem Stadtgespräch beteiligte.

18.05.2006    Von Dirk Hackenberg



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